Freiheit durch Selbstverantwortung

Jede Entscheidung, die wir treffen, ist eine Entscheidung für oder gegen etwas. Für die Liebe, für die Familie, die Freunde, den Job, gegen Hass oder Gewalt oder für unsere persönliche Entfaltung. Jede Entscheidung, die wir treffen, hat Konsequenzen. Daher wägen wir ab, wie wir entscheiden, vertagen Entscheidungen, schieben Entscheidungen vor uns her. Doch es bleibt dabei: die eigene Entscheidung ist die Grundlage für selbstverantwortliches Handeln.

Entscheidungen kommen aus unserem Inneren, folgen unseren Werten und Überzeugungen, spiegeln unsere Persönlichkeit wider, transportieren unsere Einstellungen und Ziele. Machen wir Entscheidungen regelmäßig vom Willen anderer abhängig, werden wir unzufrieden und krank. Wir verleugnen uns selbst.

Die Entscheidung für oder gegen etwas ist die Grundlage für selbstbestimmtes Handeln. John Stuart Mill spricht vom »aktiven Staatsbürger«, oder auch von einem mündigen und selbstbestimmten Menschen. Daher »haften« wir für das, was wir tun oder auch nicht tun. Schaden wir anderen, fällt dieser Schaden nach dem Haftungsprinzip auf uns zurück. Demnach sollen unsere Entscheidungen anderen keinen Schaden zufügen.

Das Prinzip der Freiheit

Genau darum geht es bei der Freiheit. Freie Menschen haben die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen möglichen Alternativen auszuwählen und zu entscheiden. Sie können selbstbestimmt leben.

Dem Prinzip der Selbstverantwortung folgend respektiert die Freiheit des Einzelnen, neben den eigenen Interessen, die unsere Entscheidung leiten, speziell das Wohl des anderen. Artikel 2 (1) unseres Grundgesetztes greift diese Idee auf: »Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt (…)«. Dabei ist nach Artikel 1 (1) »die Würde des Menschen unantastbar«.

Freiheit ohne Selbstverantwortung ist daher nicht denkbar. Oder anders: Selbstverantwortung in unserem Handeln ist die Grundlage unserer freiheitlichen und offenen Gesellschaft.

Die anderen sind Schuld

Bei der Einstellung unserer Gesellschaft zu Freiheit durch Selbstverantwortung mache ich einen entgegengesetzten Trend aus. Selbstverantwortung für unser Handeln wird zunehmend weniger übernommen.

Sei es bei den Pegida-Anhängern, die die Ursache ihrer Probleme auf die Politik, die Lügenpresse oder die Flüchtlinge schieben und nicht dem eigenen Handeln zuschreiben, oder von der Lügenpresse schwadronieren, ohne sich das breite Spektrum der hiesigen Presse zu eigen zu machen. Sei es bei Hass-Predigern in Internetforen, die, anstatt über Lösungen zu diskutieren, ihrem anonymen Hass freien Lauf lassen.

Sei es bei dem »Bürger der Mitte«, der sich lieber in das Private zurückzieht und zur Lösung gesellschaftlicher Probleme auf den Staat, die Politik oder die Wohlfahrtsverbände verweist, anstatt sich nachhaltig für Freiheit und Demokratie einzusetzen.

Sei es der Staat, der meint seine Bürger vor Unheil und Restrisiken des Lebens durch Regeln und Sicherheitsvorkehrungen schützen zu müssen und so unsere Freiheit einschränkt. Seien es die Chefs in den Unternehmen, die ihren Mitarbeitern zu wenig Selbstverantwortung zutrauen und das Gefühl haben, alles kontrollieren und regeln zu müssen.

Hört man auf, an die Fähigkeit des Einzelnen zu selbstverantwortlichem Handeln zu glauben, spricht man ihm die Fähigkeit ab, ein freies und selbstbestimmtes Leben leben zu können. Es entsteht ein System der Kontrolle durch Entmündigung (»Wir müssen den Menschen vor sich selbst schützen«) und der Selbstverantwortungslosigkeit (»Die da oben tun ja nichts für uns«).

Dieser Trend zur Förderung der Selbstverantwortungslosigkeit im Handeln gefährdet unsere Freiheit.

Freiheit, Selbstverantwortung und die Diktatur der Algorithmen

Besonders eklatant ist die Selbstverantwortungslosigkeit im Handeln als Phänomen der Digitalisierung zu beobachten. Selbst die Enthüllungen von Edward Snowden, der beweist, dass Unternehmen wie auch staatliche Stellen mit unseren Daten machen, was sie wollen, hat nur wenige wachgerüttelt, wieder Selbstverantwortung für die eigenen Daten zu übernehmen.

Vielmehr wird konstatiert: »Sollen sie meine Daten doch haben. Was habe ich schon zu verbergen?« Sehr viel, würde ich antworten. Denn wenn Unternehmen beispielsweise über intime Suchmaschinenanfragen wie

Ständige Kopfschmerzen, habe ich Krebs?

oder Staaten über Vorratsdaten, Gesichtserkennung oder anderen Daten wie Flugdaten quasi uneingeschränkten Zugriff auf die Daten unseres täglichen Lebens und somit unsers persönlichen Handelns bekommen, muss man sich nicht wundern, wenn Entscheidungen zunehmend nicht von uns, sondern durch Algorithmen getroffen werden.

Wir lassen zu, dass Algorithmen uns unsere Selbstbestimmung nehmen, indem sie für uns entscheiden. Ein Prinzip, das übrigens dem verfassungsmäßigen Prinzip der »informationellen Selbstbestimmung« widerspricht. Entscheidende Algorithmen entlassen uns aus der Selbstverantwortung, denn Entscheidungen sind anstrengend, kosten Zeit und Nerven. Maschinen entscheiden zu lassen, ist sehr bequem.

Manche nennen diesen Zustand »Datendiktatur«. Dieser Begriff greift allerdings zu kurz. Denn Daten für sich genommen sind unstrukturierte Zeichenketten und in ihrer Aussagekraft neutral. Die algorithmische Verknüpfung und Auswertung der Daten zu Informationen und kontextbasiertem Wissen ermöglicht es erst, Erkenntnisse zu gewinnen, die zum Guten wie zum Schlechten verwendet werden können. Ich spreche daher von der »Diktatur der Algorithmen«, in der der Mensch seine Entscheidungen zunehmend Maschinen überlässt.

Wir lassen zu, dass Algorithmen uns unsere Selbstbestimmung nehmen und uns aus der Selbstverantwortung entlassen. Das ist bequem, aber ist es auch sinnvoll? Das Prinzip der Selbstverantwortung wird somit nämlich ausgehebelt. Widerstandslos!

Vielen scheint nicht klar zu sein, dass es ohne Selbstverantwortung keine Freiheit gibt. Ohne Freiheit gibt es keine offene Gesellschaft, die ein friedliches, tolerantes und zukunftsgewandtes Zusammenleben ermöglichen.

Unsere Freiheit ist in Gefahr. Es ist fünf vor Zwölf! Es wird Zeit zu handeln, denn die Datenkranken sind uns schon Meilen voraus.

Freiheit im Zeitalter des exponetiellen Datenwachstums

Jedes Jahr verdoppelt sich die Anzahl der Daten, die wir als Menschheit produzieren. Das bedeutet, dass 2016 mehr Daten über uns erzeugt wurden, als in der gesamten Menschheitsgeschichte bis 2014 zuvor. In den kommenden Jahren werden die Menschen weitere Billionen Datensätze mit personenbezogenen Daten durch Google-Anfragen oder Facebook-Posts und zusätzlich über jeden genutzten vernetzten Gegenstand der Welt erzeugen, denn viele Gegenstände – auch die Menschen selbst – werden mit dem »Internet der Dinge« vernetzt sein. Diese schätzungsweise 150-200 Milliarden, manche prognostizieren 500 Milliarden, am Internet der Dinge angeschlossenen Gegenstände verdoppeln reichlich alle 12 Stunden die Menge der weltweit erzeugten Daten über uns. Willkommen im Zeitalter des exponentiellen Datenwachstums!

Die Anwendung von Big-Data-Techniken auf diesen riesigen Datenberg ermöglicht die Personalisierung vieler Dienstleistungen. Konzerne wie Google und Facebook liefern uns bereits heute schon die Informationen von denen Sie glauben, dass sie für uns relevant sein könnten. Das Verhalten von Gegenständen wird an die algorithmisch berechnete »persönlichen Vorliebe« des Einzelnen angepasst. Ein Beispiel: das Thermostat der von Google erworbenen Firma NEST ist in der Lage, Anpassungsmuster einer Raumtemperatur bezogen auf die tatsächlichen Aktivitäten im Raum über intelligente Sensoren zu erlernen.

Code ist Macht in der Diktatur der Algorithmen

Morgen versucht unser Staat systematisch Verbrechen vorauszusehen (in den USA schon Realität). Übermorgen werden unsere Ärzte schon zu Beginn der Untersuchung wissen, wo der Schuh drückt und sparen sich umfassende Untersuchungen, da unsere Wearables unseren Gesundheitsstatus dem Arzt bereits im Vorfeld mitgeteilt haben.

Und teilweise schon heute, aber gewiss in nicht allzu ferner Zukunft kontrollieren Konzerne und Staaten alle unsere Aktivitäten auf der Grundlage unserer vernetzt erzeugten Daten: sie kontrollieren und beeinflussen unser Handeln durch gezieltes »Nudging« oder beeinflussen unsere Meinungen durch  Filterung der Daten auf das »Filter Bubble«.

Anbieter kontrollieren und personalisieren die Kosten von Versicherungstarifen auf Grundlage durch Wearables erfasster sportlicher Aktivitäten. Sie urteilen über unsere Statusgruppenzugehörigkeit durch da Screening von Instagram-Bildern und entscheiden über Kreditanträge durch die Analyse unserer Facebook-Freunde und Posts.

Anbieter und Staaten leiten aus unseren Daten und deren Auswertung Rechte und Pflichten ab. So zum Beispiel das Recht, in bestimmten Stadtteilen zu wohnen oder bestimmte Länder zu bereisen. China zeigt mit dem vielleicht schon 2020 für alle Chinesen verpflichtenden »Social Credit System«, wie eine totalitäre und postdemokratische Diktatur der Algorithmen aussehen kann.

Dan Wagner, CEO und Founder von Civis, einem Unternehmen, welches aus dem datengetriebenen Wahlkampf von Präsident Obama 2007 entstand und auf die Analyse großer Datenmengen spezialisiert ist, fasst es in der Wired 03/16 so zusammen:

Daten sind dabei, die Weltherrschaft zu übernehmen und jeder der sich nicht darauf einstellt, wird bald den Anschluss verlieren.

Gewinne sind das Ziel – nicht die Freiheit

Ebenso gilt: Unternehmen erhoffen sich mit dieser riesigen Datenwolke durch Big-Data-Technologie ein gigantisches Geschäft. Wie groß dieses sein könnte, lassen die Wachstumszahlen von Alphabet (vormals Google) erahnen: seit 2011 konnte der Konzern seinen Umsatz bis 2015 von 38 Milliarden auf 75 Milliarden USD steigern. Bis Oktober 2016 stieg der Gewinn von Alphabet erneut um 27% auf 5,60 Millarden Dollar.

Digitale Freiheit durch digitale Selbstverantwortung

Ich selbst bin digitaler Optimist und glaube an die Chancen, die sich für die Menschen, die Gesellschaft, die Wirtschaft und unsere Demokratie durch die Digitalisierung ergeben. Im Gesundheitssektor werden Wearables erforscht, die es ermöglichen, Demenz- oder Depressionspatienten bei ihrer Krankheit zu unterstützten. Die besten Ärzte können durch vernetzte Roboter weltweit komplexe Eingriffe aus ihrem Heimatkrankenhaus heraus vornehmen.

Jeder Mensch hat Zugriff auf eine gigantische Menge an Informationen: der Erwerb von Wissen, sprich Bildung, kann für jeden Menschen möglich werden. Länderübergreifende Forschung wird vereinfacht. Vernetzte und intelligente Produktionsanalagen erhöhen ressourcenschonend die Produktivität, disruptive Geschäftsmodelle ermöglichen auch kleinen Unternehmen, globaler Marktführer zu werden. Die Kommunikation innerhalb der Gesellschaft wird offener und transparenter. Politik kann in nie dagewesener Direktheit mit den Bürgern kommunizieren. Die Welt wächst zusammen.

Digitalisierung gestalten – Ängste und Skepsis ernst nehmen

Diese Chancen der Digitalisierung stehen einer diffusen Skepsis und Ängsten der Bevölkerung gegenüber. Angst davor, dass ganze Arbeitsplatzsektoren, zum Beispiel in der Banken- und Versicherungsbranche, wegfallen. Angst davor, die Kontrolle über die eigenen Daten zu verlieren. Skepsis gegenüber den Medien, die durch Filterung von Inhalten im Internet Meinungen beeinflussen können. Gelegentlich ist auch eine grundlegende Ablehnung der Digitalisierung zu beobachten.

Es gilt daher: Skepsis und Ängste sind Teil der digitalen Transformation und müssen ernstgenommen werden. Über das »Wie« und »für Wen« des technologischen Fortschritts und der Digitalisierung muss diskutiert werden. Die Digitalisierung ist sicher nicht mehr aufzuhalten. Aber wir können sie gestalten. Schaffen wir es nicht, die Digitalisierung zu erklären, die Chancen zu beschreiben und möglichst viele Menschen mitzunehmen, wird sie scheitern. Die Gesellschaft spaltet sich in die digitalen Evangelisten und die analogen Enthusiasten.

Privacy-by-Self-Responsibility

Ich werde nach meinen Vorträgen häufig gefragt: »Was kann ich denn gegen die Macht der Konzerne und die Digitalisierung machen?“ Ich denke sehr vieles! Jeder Einzelne ist gefragt, Selbstverantwortung für sich und sein Handeln in der fortschreitenden Digitalisierung zu übernehmen. Nicht technische Lösungen, sondern jeder Selbst muss entscheiden, wem er seine Daten anvertraut, welche Internetdienste oder APPs er nutzt und ob der Nutzen (z. B. Effizienzgewinn) die Kosten (die Preisgabe persönlicher Daten) ausgleicht. Denn sind die Daten in die Speichersysteme der globalen Datenbanken eingespeist, verlieren wir die Kontrolle über unsere Daten.

Privacy-by-Design ist zum Teil ein überholtes Konzept: denn welches ernsthafte Interesse sollten gewinnorientiert handelnde und Daten sammelnde Internetunternehemn an unserer Privatsphäre haben? Privacy-by-Self-Responsibility, Übernehmen der Selbstverantwortung für die eigenen Daten, ist der nächste wichtige Schritt. Die Entscheidung, Daten preiszugeben, liegt in vielen Fällen bei jedem Einzelnen. Brauchen Sie eine Payback-Karte? Brauchen Sie eine bestimmte kostenlose App? Müssen Sie »kostenlose« Online-Maildienste wie GMail, AOL oder WEBMAIL nutzen? Denken Sie darüber nach, wenn Sie das nächste Mal Ihre Daten irgendwo im Internet preisgeben sollen, ob Sie dieses auch wollen und was der Mehrwert für Sie ist.

Flankierend dazu müssen natürlich sensible und sinnvoller Weise auszutauschende Daten, wie im Gesundheitswesen, technisch so abgesichert, dass diese Dritten nicht in die Hände fallen können.

Selbstverantwortung übernehmen – Digitale Sorglosigkeit und technologische Ahnungslosigkeit bekämpfen

Um als »Homo Digitalis« die Selbstverantwortung für sich und sein Handeln übernehmen zu können, muss sich das Verständnis über die Funktionsweise der Technologien der Digitalisierung radikal verbessern. Digitale Sorglosigkeit und technologische Ahnungslosigkeit rauben uns unserer Möglichkeiten, die Digitalisierung nach unserem Sinne zu gestalten und kompetente, selbstverantwortliche Entscheidungen bei der Nutzung digitaler Medien zu treffen.

Jeder Einzelne ist in der Pflicht, sich zu informieren, wie z. B. Hacker im Internet vorgehen, personalisierte Internetdienste funktionieren und was Anbieter mit unseren Daten machen können. Er ist in der Pflicht zu erfahren, wie man seine persönlichen Daten oder Unternehmensgeheimnisse schützen kann und welche Rechte und Pflichten zum Schutz unserer Daten existieren.

Schließlich kann nur auf Basis eines soliden Verständnisses der Digitalisierung ein ernsthafter gesellschaftlicher Diskurs über die Chancen und Risiken der Digitalisierung, die Art und Weise wie wir diese gestalten wollen, entstehen. Schaffen wir dieses nicht, droht die Spaltung der Gesellschaft in die Anhänger und Ablehner der Digitalisierung. Dieses hätte weitreichende Folgenden für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes.

Wir brauchen: ein Digitalgesetz, ein Digitales Manifest und eine Zukunftsvision der digitalen Gesellschaft

Selbstverantwortliches Handeln ist ergo die zentrale Maxime, um seine Daten so gut wie möglich vor dem Zugriff der Datensammler in der Diktatur der Algorithmen zu schützen.

Digitalgesetz

Allerdings muss eigenverantwortliches Verhalten gezielt unterstützt werden. Der Staat muss ergänzend tätig werden und durch gesetzliche Initiativen die Übernahme der Selbstverantwortung des Einzelnen in der Digitalisierung flankieren. Der Staat muss alles in seiner Macht stehende unternehmen, um das aus Grundgesetz ableitbare Recht auf »Informationelle Selbstbestimmung« gesetzlich abzusichern, um die freie Entfaltung der Persönlichkeit in unserem Staat im Besten Sinne zu ermöglichen.

Dazu gehört, dass in Deutschland agierende Internetfirmen vollstreckungsfähige Geschäftssitze in Deutschland vorweisen. Das der Rechtsrahmen Internetunternehmen verpflichtet, Datenschutz- und Nutzungsbedingungen einfach, kurz und allgemein verständlich zu formulieren. Dabei legt der Anbieter transparent dar, wer wann wie welche der im anvertrauten Daten verarbeitet oder an Dritte transferiert.

Der Staat stattet die Ermittlungsbehörden personell so ausreichend aus, dass Straftaten im Internet, wie Hass, Hetzte und steigende Cyber-Kriminalität, wirksam zu bekämpfen sind.

Die Neutralität des Internets (Netzneutralität) muss gewahrt bleiben. Sollten Internetdienste bestimmte Latenzzeiten in der Kommunikation benötigen, z. B. bei chirurgischen Eingriffen gesteuert über das Internet, muss dieses Problem technisch, zum Beispiel durch bessere Ausnutzung der Bandbreite, und nicht über die Kontrolle des Datendurchsatzes gelöst werden.

Dieses und weiteres kann in einem »Digitalgesetz« verankert werden.

Digitales Manifest

Strategisch gesehen benötigen wir eine gemeinsame Leitlinie, in der Leitplanken festgelegt werden, zwischen denen sich die Fortschritte der Digitalisierung bewegen sollen. Darin enthalten ist die Formulierung einer Selbstverpflichtung zur Übernahme unserer digitalen Selbstverantwortung.

Führende Wissenschaftler fordern aus diesem Grund ein »Digitales Manifest«, als allgemeine Verpflichtung von Staat, Wirtschaft, Gesellschaft, jedem einzelnen Bürger, zur Gestaltung der Digitalisierung. Dieses vorgeschlagene Digitale Manifest habe ich in jedem Punkt kommentiert und lautet wie folgt:

  1. die Funktion von Informationssystemen stärker zu dezentralisieren
  2. informationelle Selbstbestimmung und Partizipation zu unterstützen;
  3. Transparenz für eine erhöhte Vertrauenswürdigkeit zu verbessern;
  4. Informationsverzerrungen und -verschmutzung zu reduzieren;
  5. von den Nutzern gesteuerte Informationsfilter zu ermöglichen;
  6. gesellschaftliche und ökonomische Vielfalt zu fördern;
  7. die Fähigkeit technischer Systeme zur Zusammenarbeit zu verbessern;
  8. digitale Assistenten und Koordinationswerkzeuge zu erstellen;
  9. kollektive Intelligenz zu unterstützen; und
  10. die Mündigkeit der Bürger in der digitalen Welt zu fördern – eine „digitale Aufklärung“.

Diesem Manifest schließe ich mich an.

Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union

Am 01.12.2016 wurde der Entwurf der Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union veröffentlicht, die im Netz vielfach kritisiert wurde. Es handelt sich um einen ersten Versuch zu beschreiben, zwischen welchen Leitplanken sich die Technologien der Digitalisierung bewegen sollen. Im Fokus steht dabei die Würde des Menschen und dessen Recht auf freiheitliche und informationelle Selbstbestimmung im Sinne des Grundgesetzes.

Fest steht: es handelt sich um einen Erstentwurf der nicht zuletzt zum reflektieren, diskutieren und nachdenken anregen soll. Jeder kann sie unterzeichnen, online mitdiskutieren und so die darin skizzierten Ideen weiterentwickeln.

Die Charta hat das Potenzail ein Instrument zu werden, die notwendige Debatte zur aktiven Gestaltung der Digitalisierung anzustoßen, zu systematisieren und zu dokumentieren.

Zukunftsvision einer digitalen Gesellschaft

Die aktuellen Entwicklungen in der Digitalisierung erzeugen ein mulmiges Gefühl. Die Entwicklung ist so rasant, man kann ihr kaum folgen, geschweige denn sie verstehen. Aber die Digitalisierung bringt viele Chancen mit sich, wenn wir sie gemeinsam gestalten.

Die heutige Politik hat keine Antworten auf die digitale Transformation. Sie ist getrieben von der Geschwindigkeit der technischen Innovation und der Neuartigkeit plötzlich auftretender Geschäftsmodelle. Aber ich sehe die Politik in der Pflicht, die drängenden Fragen der Digitalisierung, wie zum Beispiel den Verlust menschlicher Arbeitsstunden zu Gunsten von Maschinenarbeitsstunden, in einem visionären Gesellschaftsentwurf, einer »digitalen Gesellschaft«, zu beantworten. Nur so kann der Staat das Ruder zur Gestaltung der Digitalisierung wieder übernehmen und die Deutungshoheit zurückgewinnen.

Es ist zu wünschen, dass sich ein intensiver gesellschaftlicher Diskurs über die Gestaltung dieser digitalen Gesellschaft entwickelt, aus dem die Vision für unsere digitale Gesellschaft, z. B. für das Jahr 2050 oder 2100, abgeleitet werden kann. Diese Vision liefert Fragmente der Zukunft, z. B. Szenarien wie eine Gesellschaft 2070 aussehen könnte. Sie beschreibt eine Gesellschaft in der Maschinen vermutlich viele bis dato vom Menschen verrichtete Arbeiten übernehmen und die Informationstechnologie ubiquär, sprich allgegenwärtig, ist.

Sie erzählt Geschichten von den Vor- und Nachteilen einer solchen Gesellschaft und ermöglicht uns bereits heute, die richtigen Weichen zu stellen, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Diffusen Ängsten und Vorurteile zur digitalen Transformation müssen heute proaktiv begegnet und, genauso wie Chancen, in diese Vision eingewebt werden. Als Im Ergebnis können wir der digitalen Transformation gelassener und realistischer entgegenblicken. Denn wir als Bürger sind aktive Gestalter und nicht passiv Getriebene der Digitalisierung.

Digitale Selbstverantwortung erproben

Im Kleinen kann jeder sofort anfangen, digitale Selbstverantwortung zu erproben. Im Internet sind Alternativen oft nur Einen-Klick-Weit-Weg. Wer zwingt uns Google als Suchmaschine zu benutzen, wenn es Suchanbieter wie duckduckgo oder startpage gibt, die unsere Privatsphäre respektieren? Wer verlangt von uns alles bei Amazon zu bestellen, wenn man heutzutage auch alles beim Händler um die Ecke bestellen kann? Wer nötigt uns, die privatesten Bilder und Gedanken auf Facebook zu teilen, wenn man sich einfach im Café um die Ecke zum Austausch treffen kann?

Keiner.

Und das Beste ist: die schönsten Sachen der Welt kann man nicht digitalisieren!

Es liegt an uns.